zeit.geschichte
(c) Rudolf Leo: Im Gegensatz zur Führung der Kirche, die sich rasch mit dem NS-Regime arrangierte, trotzen zahlreiche Priester in Salzburg dem Nationalsozialismus. In manchen Predigten wird kein Blatt vor den Mund genommen, in Schriften wird gegen das System angeschrieben. Einer der prominentesten Salzburger Priester ist der Bramberger Ehrenbürger Andreas Rieser. Der damals 30jährige Pfarradministrator wird im Sommer 1938 verhaftet. Bei der Renovierung der Kirche in Dorfgastein (Pongau) hinterlegt Pfarradministrator Rieser eine regimekritische Urkunde im Kirchturmknauf. Der Spenglermeister übergibt das Dokument der zuständigen NS-Ortsgruppenleitung. Rieser schildert am 23. Jänner 1947 vor der Opferfürsorge Salzburg sein Schicksal: "Der Grund der Verhaftung war die Hinterlegung einer Urkunde in den Kirchturmknauf anlässlich der Renovierung des Kirchturmes. In diesem Dokument habe ich den Nationalsozialismus und die ganze Regierung angeprangert und schriftlich niedergelegt, daß wir im März 1938 überfallen wurden und daß Österreich schweren Zeiten entgegengehen wird, den das 3. Reich noch elendiglicher verspielen wird als das Deutschland 1918, und dann Österreich wieder selbständig sein wird. Dieses Dokument sollte der Spengler von Schwarzach-St. Veit, Weiß, in den Knauf einlöten, riß aber den versiegelten Brief auf und übergab ihn der Ortsgruppe (...) Ich war dann bis zum 31. Juli 1938 im Polizeigefängnis in Salzburg. Am 31. Juli 1938 wurde ich nach München in das Polizeigefängnis überstellt und am 3. August 1938 nach Dachau eingeliefert. Dort wurde ich festgehalten bis zum 26. September 1939, an diesem Tag wurde ich nach Buchenwald bei Weimar transportiert, dort verblieb ich bis zum 7. Dezember 1940. Am selben Tage werde ich wieder zurücktransportiert nach Dachau, wo ich bis zum 26. April 1945 verbleiben musste. An diesem Tage wurde ich mit Hunderten von Häftlingen auf den Todesmarsch gesetzt – Dachau – Ötztal. Am 1. Mai 1945 wurden wir (...) von den Alliierten befreit."[1] Mitteilung von Andreas Rieser aus dem KZ Dachau, 10. März 1939: "Da ich mich wiederholt im Lager strafbar machte, unterliege ich den verschärften Haftmaßnahmen:
  1. Ich darf im ¼ Jahr nur einen Brief empfangen und schreiben.
  2. Ich darf im ¼ Jahr nur 10,- RM empfangen.
  3. Der Empfang jeglicher Pakete ist verboten
Andreas Rieser"[2] Andreas Rieser überlebt rund sieben Jahre in den Konzentrationslagern.[3] Der Österreichische Rundfunk hat die Geschichte Riesers unter dem Titel "Der Kaplan vom Zwiebelturm" verfilmt. Andreas Rieser arbeitet bis zu seinem Tod am 3. März 1966 als Pfarrer in Bramberg, wo er als Ehrenbürger begraben wird. Die Gemeinde Bramberg widmet dem Widerstandskämpfer im Jahr 2013 einen Platz. Der ehemalige Kirchenplatz heißt nun „Andreas Rieser Platz“. Eine Tafel an der Kirchenmauer erinnert an Rieser. rieser_hoenigschmid Weitere Infos zu Andreas Rieser und der Kirche in Salzburg finden Sie im Buch "Pinzgau unterm Hakenkreuz", Otto Müller Verlag, 2013 [1] Widerstand und Verfolgung in Salzburg 1934-1945, Bd. 2, S 300 und DÖW 18.562 [2] Widerstand und Verfolgung in Salzburg 1934-1945, Bd. 2, S 299 ff und DÖW E 19.257/1 [3] Das Martyrium von Andreas Rieser im Konzentrationslager Dachau ist im Buch "Blutzeugen des Glaubens Martyrologium des 20. Jahrhunderts" dokumentiert. Herausgeber: Jan Mikrut; Wiener Dom-Verlag 2000.

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